Kurzantwort: Freud deutete Träume nicht mit einem Symbolwörterbuch. Er zerlegte den erinnerten Traum in Teile und ließ den Träumenden zu jedem Teil frei erzählen, was ihm einfiel. Aus diesen Einfällen rekonstruierte er die Gedanken hinter dem Traum. Das Verfahren ist nicht überprüfbar, hat aber einen Punkt vorweggenommen, der heute belegt ist: Der Stoff stammt aus dem eigenen Leben.
Wer heute von Traumdeutung nach Freud liest, bekommt meist eine Liste vorgesetzt. Bestimmte Gegenstände stehen darin für bestimmte Inhalte, fertig.
Mit Freuds eigenem Vorgehen hat das wenig zu tun. Er hielt solche Listen ohne die Einfälle des Träumenden für unbrauchbar.
Dieser Text beschreibt, wie er tatsächlich vorging, welche Begriffe dazugehören und was davon heute Bestand hat.
Der Ausgangspunkt
Freud ging davon aus, dass ein Traum einen Sinn hat und dass dieser Sinn dem Träumenden selbst nicht zugänglich ist.
Er unterschied deshalb zwei Ebenen: den manifesten Trauminhalt, also den erinnerten Ablauf, und die latenten Traumgedanken dahinter.
Deuten hieß für ihn, den Weg zwischen beiden Ebenen zurückzugehen. Das Ziel war der Gedanke, aus dem ein Bild entstanden ist, und nicht die Bedeutung des Bildes.
Diese Annahme war zu seiner Zeit ungewöhnlich. Die Fachliteratur des 19. Jahrhunderts behandelte Träume überwiegend als Nebengeräusch des Schlafs, ausgelöst von Verdauung, Lage oder äußeren Reizen.
Freud hielt dagegen, dass sich ein Traum lohnen könne wie ein Text. Genau daraus entstand sein Verfahren.
Freie Assoziation
Das Werkzeug dafür war die freie Assoziation. Der Traum wurde in einzelne Stücke zerlegt, und zu jedem Stück sollte der Träumende sagen, was ihm dazu einfällt.
Die Regel lautete, nichts zurückzuhalten, auch nichts, was unwichtig, peinlich oder unsinnig erscheint. Gerade das Abwegige galt Freud als aufschlussreich.
Der Deutende brachte dabei kein Wissen über Symbole mit. Er sortierte, was der Träumende lieferte, und suchte darin Verbindungen.
Damit unterscheidet sich das Verfahren grundsätzlich von jedem Traumlexikon. Ohne den Träumenden gab es kein Ergebnis.
Die Traumarbeit
Freud nannte die Umformung zwischen Gedanke und Traumbild Traumarbeit und beschrieb sie in vier Schritten.
Die Verdichtung fasst mehrere Gedanken oder Personen in einer einzigen Traumgestalt zusammen. Deshalb wirken Traumfiguren oft wie Mischungen aus mehreren Bekannten.
Die Verschiebung verlagert das Gewicht auf etwas Nebensächliches. Das Wichtige tritt in den Hintergrund, eine Kleinigkeit rückt in die Mitte.
Die Rücksicht auf Darstellbarkeit übersetzt Abstraktes in Bilder, weil der Traum in Szenen erzählt. Die sekundäre Bearbeitung glättet das Ganze schließlich zu einer Geschichte.
Diese vier Schritte sollten erklären, warum Träume so sprunghaft wirken. Orte wechseln mitten im Satz, Personen verwandeln sich, und beim Erzählen fällt das kaum auf.
Der Traum von Irmas Injektion
Freud führte sein Verfahren erstmals an einem eigenen Traum vor, dem Traum von Irmas Injektion aus der Nacht vom 23. auf den 24. Juli 1895.
Er zerlegte ihn Satz für Satz und schrieb zu jedem Bestandteil seine Einfälle auf. Das Ergebnis las er als Entlastung von einem beruflichen Vorwurf.
Diese Selbstanalyse ist bis heute das bekannteste Beispiel für das Verfahren und zugleich der am häufigsten kritisierte Teil des Buches.
Kritisiert wird daran vor allem, dass Freud hier zugleich Träumender, Deutender und Betroffener war. Eine unabhängige Prüfung des Ergebnisses ist damit ausgeschlossen.
Wie viel ihm dieser Traum bedeutete, zeigt ein Brief an Wilhelm Fließ, in dem er sich an dem Ort eine Gedenktafel vorstellt.
Symbole bei Freud
Symbole spielten in seinem Modell zunächst eine Nebenrolle. Erst in späteren Auflagen der „Traumdeutung“ wuchs der entsprechende Abschnitt deutlich an.
Freud betrachtete sie als Notbehelf für Stellen, zu denen dem Träumenden nichts einfiel. Sie sollten die Assoziation ergänzen, nicht ersetzen.
Genau diese Einschränkung fehlt in den Listen, die heute unter seinem Namen kursieren. Sie geben den Notbehelf als Methode aus.
Hinzu kommt ein Übersetzungsproblem. Viele der geläufigen Beispiele stammen aus dem Sprachgebrauch des Wiener Bürgertums um 1900 und lassen sich nicht ohne Weiteres übertragen.
Tagesreste und woher der Stoff kommt
Freud beobachtete, dass Träume Eindrücke des Vortags aufnehmen, oft belanglose. Er nannte sie Tagesreste.
Für ihn lieferten sie das Material, nicht den Anlass. Der Anlass sollte der Wunsch sein, das Material stammte aus dem Alltag.
Dieser Teil seiner Beobachtung hat Bestand. Die heutige Traumforschung beschreibt als stabilsten Befund, dass Trauminhalte Themen des Wachlebens aufgreifen.
Was an dem Verfahren kritisiert wird
Der Hauptvorwurf lautet, dass sich das Ergebnis nicht prüfen lässt. Eine Deutung, die der Träumende ablehnt, konnte im Modell als Widerstand gewertet werden.
Damit lässt sich jede Deutung halten, und genau das gilt als methodisches Problem.
Kritisiert wird außerdem die Auswahl der Fälle. Freuds Material stammte überwiegend aus einem engen sozialen Umfeld im Wien seiner Zeit.
Ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts traten Modelle daneben, die den Traum stärker aus der Aktivität des schlafenden Gehirns erklären.
Was sich daraus heute übernehmen lässt
Brauchbar bleibt der Grundgedanke, den Traum in Teile zu zerlegen und zu jedem Teil die eigenen Einfälle zu notieren, bevor irgendwo nachgeschlagen wird.
Brauchbar bleibt auch die Aufmerksamkeit für den Vortag. Die Frage, woran ein Traumbild aus den letzten Tagen erinnert, führt oft am schnellsten weiter.
Nicht übernehmen lässt sich der Anspruch, damit eine verborgene Wahrheit freizulegen. Wo eine Deutung nicht passt, bleibt der Traum stehen.
Häufige Fragen
Wie deutete Freud einen Traum?
Er zerlegte ihn in Teile und ließ den Träumenden zu jedem Teil frei erzählen, was ihm einfiel.
Was ist die Traumarbeit?
Die Umformung der Gedanken in Traumbilder, beschrieben in vier Schritten von der Verdichtung bis zur sekundären Bearbeitung.
Nutzte Freud Symbollisten?
Nur ergänzend. Ohne die Einfälle des Träumenden hielt er sie für unbrauchbar.
Was bleibt heute von der Methode?
Das Zerlegen des Traums, die eigenen Einfälle und der Blick auf den Vortag.
Quellen
- Die Traumdeutung – Wikipedia
- Sigmund Freud – Wikipedia
- Sigmund Freud Museum Wien
- Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin
Das passt dazu
Drei Artikel, die dieselbe Frage von einer anderen Seite angehen:
- Sigmund Freud, Die Traumdeutung: Inhalt und Wirkung
- Wer war Sigmund Freud: Leben, Werk und Einfluss auf die moderne Traumforschung
- Freud Traumdeutung: Wie der Vater der Psychoanalyse unsere Träume interpretiert hat
Geschrieben von Bella, Redaktion traumatlas.de — sie schreibt hier über Traumsymbole und ihre Deutung.

