Aufgeschlagener Koran

Islamische Traumdeutung: Grundlagen, Quellen, Grenzen

Kurzantwort: Die islamische Traumdeutung ist eine religiös begründete Deutungstradition. Sie stützt sich auf den Koran, vor allem auf die Sure Yusuf, und auf Hadithe, in denen drei Arten von Träumen unterschieden werden: der wahrhaftige Traum, der belastende Traum und der Traum aus den eigenen Gedanken. Es handelt sich um Überlieferung, nicht um ein Ergebnis der Schlafforschung.

Kaum ein anderer Deutungsstrang hat so viele Nachschlagewerke hervorgebracht wie dieser. Arabische Traumbücher füllen ganze Bände, und ihre Einträge zirkulieren heute in Dutzenden Apps und Foren.

Wer sie liest, sollte wissen, worauf sie beruhen und was sie über sich selbst sagen.

Dieser Text stellt die Grundlagen dar, nennt die wichtigsten Werke und trennt die Überlieferung von dem, was die Schlafforschung beitragen kann.

Die Sure Yusuf als Bezugspunkt

Die zwölfte Sure des Korans trägt den Namen des Propheten Yusuf und umfasst 111 Verse. Sie erzählt eine zusammenhängende Geschichte, in der Träume eine tragende Rolle spielen.

Am Anfang steht Yusufs eigener Traum von Sonne, Mond und elf Sternen. Sein Vater Jakob rät ihm, den Brüdern davon nichts zu erzählen, um deren Eifersucht nicht zu wecken.

Später deutet Yusuf im Gefängnis die Träume zweier Mitgefangener und schließlich den Traum des Königs von sieben fetten und sieben mageren Kühen sowie sieben grünen und sieben dürren Ähren.

Aus dieser Erzählung leitet die Tradition zweierlei ab: dass Träume eine Botschaft tragen können und dass ihre Deutung eine Gabe ist, die nicht jedem zukommt.

Drei Arten von Träumen

In den Hadith-Sammlungen wird zwischen drei Arten unterschieden. Der wahrhaftige Traum gilt als gute Nachricht, der belastende Traum wird dem Einflüsterer zugeschrieben, und die dritte Gruppe entsteht aus dem, was den Menschen ohnehin beschäftigt.

Diese dritte Kategorie ist bemerkenswert. Sie räumt ein, dass ein großer Teil der Träume schlicht aus den Gedanken des Tages stammt und keiner Deutung bedarf.

Damit liegt sie erstaunlich nah an dem, was die heutige Traumforschung als Kontinuität zwischen Wachleben und Traum beschreibt.

Nur die erste Gruppe ist in der Tradition überhaupt Gegenstand der Deutung. Die anderen beiden werden ausdrücklich davon ausgenommen.

Was die Überlieferung über den Rang des Traums sagt

Die klassischen arabischen Traumbücher entstanden zwischen dem 8. und dem 18. Jahrhundert. Foto: Walters Art Museum Illuminated Manuscripts, CC0

Ein häufig zitierter Hadith bezeichnet den wahrhaftigen Traum als einen von sechsundvierzig Teilen der Prophetie. Er ist unter anderem in der Sammlung des al-Buchārī überliefert, die im 9. Jahrhundert entstand und im sunnitischen Islam höchstes Ansehen genießt.

Diese Sammlung enthält ein eigenes Buch zur Traumdeutung. Sie ist damit eine der ältesten Quellen, aus denen sich die spätere Deutungsliteratur speist.

Der Rang, den die Überlieferung dem Traum zuweist, erklärt die Sorgfalt, mit der sie den Umgang damit regelt.

Regeln für den Umgang mit einem Traum

Die Überlieferung gibt konkrete Verhaltensregeln vor. Ein guter Traum soll nur Menschen erzählt werden, die es gut mit dem Träumenden meinen.

Ein belastender Traum soll nicht weitererzählt werden. Stattdessen ist überliefert, Schutz zu suchen, die Seite zu wechseln und aufzustehen, um zu beten.

Ausdrücklich untersagt ist, einen Traum zu erfinden oder auszuschmücken. Das gilt in dieser Tradition als schwerwiegend.

Verbreitet ist außerdem der Gedanke, dass ein Traum offen bleibt, solange er nicht gedeutet wird. Deshalb wird zur Zurückhaltung bei der Wahl des Deuters geraten.

Die klassischen Traumbücher

Der bekannteste Name ist Muhammad Ibn Sirin, geboren 654 in Basra, gestorben 728. Er gehörte zur Generation nach den Prophetengefährten und galt als Gelehrter der Überlieferung.

Die zahlreichen Traumbücher, die unter seinem Namen kursieren, werden von der Forschung überwiegend als spätere Zuschreibungen eingestuft. Ob er selbst ein solches Werk verfasst hat, ist umstritten.

Ein zweites großes Werk stammt von ʿAbd al-Ghanī an-Nābulusī, geboren 1641 in Damaskus, gestorben 1731. Er war Sufi und Literat mit über zweihundert Schriften.

Sein Traumbuch gehört zu den meistgenutzten arabischen Werken dieser Gattung und ordnet die Einträge alphabetisch.

Wie eine Deutung in dieser Tradition aufgebaut ist

Die klassischen Werke deuten das Bild und beziehen dabei die Person mit ein. Beruf, Familienstand, Gesundheit und Lage des Träumenden ändern das Ergebnis.

Häufig arbeiten sie außerdem mit Wortverwandtschaften im Arabischen. Ein Traumbild wird über den Wortstamm mit einem anderen Begriff verbunden, was sich in Übersetzungen kaum abbilden lässt.

Genau das geht in den kurzen Listen verloren, die heute online kursieren. Sie geben Ergebnisse wieder, ohne den Weg dorthin zu zeigen.

Ein weiterer Grundzug ist die Rücksicht auf die Wirkung. Wo eine Auslegung Schaden anrichten kann, raten die klassischen Werke dazu, sie zurückzuhalten oder milder zu fassen.

Der Deuter steht darin für die Folgen seiner Worte ein. Er ist damit mehr als ein Übersetzer.

Was heute davon im Umlauf ist

Ein großer Teil der deutschsprachigen Angebote zur islamischen Traumdeutung besteht aus übersetzten Auszügen ohne Quellenangabe.

Häufig werden dabei Einträge aus verschiedenen Jahrhunderten und Regionen vermischt. Widersprüche zwischen zwei Seiten derselben Website sind deshalb keine Seltenheit.

Wer sich ernsthaft dafür interessiert, kommt an den Originalwerken und an gelehrten Ansprechpartnern nicht vorbei.

Was die Schlafforschung beitragen kann

Die Schlafforschung trifft keine Aussagen über religiöse Deutungen. Sie beschreibt, wie Schlaf abläuft und wovon die Erinnerung an Träume abhängt.

Belegt ist, dass Trauminhalte Themen des Wachlebens aufgreifen und dass vor allem die Träume hängen bleiben, aus denen jemand nachts kurz aufwacht.

Eine feste Bedeutung einzelner Traumbilder ist nicht nachgewiesen. Die Deutungen der Traumbücher bleiben damit das, als was sie sich selbst verstehen: Überlieferung.

Häufige Fragen

Worauf stützt sich die islamische Traumdeutung?

Auf den Koran, besonders die Sure Yusuf, und auf Hadithe zur Deutung von Träumen.

Welche Arten von Träumen unterscheidet sie?

Drei: den wahrhaftigen Traum, den belastenden Traum und den Traum aus den eigenen Gedanken.

Stammen die Traumbücher wirklich von Ibn Sirin?

Das ist umstritten. Die Forschung sieht die meisten Werke unter seinem Namen als spätere Zuschreibungen.

Darf man jeden Traum erzählen?

Die Überlieferung rät, gute Träume nur Wohlgesonnenen zu erzählen und belastende für sich zu behalten.

Quellen

Das passt dazu

Drei Artikel, die dieselbe Frage von einer anderen Seite angehen:

Geschrieben von Bella, Redaktion traumatlas.de — sie schreibt hier über Traumsymbole und ihre Deutung.


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