Islamische Buchmalerei aus einer Handschrift

Traumdeuter im Islam: von Yusuf bis zu den Traumbüchern

Kurzantwort: Als Vorbild aller Traumdeuter gilt im Islam der Prophet Yusuf, dem der Koran die Gabe der Deutung zuschreibt. Der bekannteste historische Name ist Muhammad Ibn Sirin aus Basra, gestorben 728, wobei die Traumbücher unter seinem Namen als spätere Zuschreibungen gelten. Die Überlieferung stellt an einen Deuter hohe Anforderungen und rät zur Vorsicht bei der Wahl.

Die Frage nach dem Traumdeuter ist in dieser Tradition wichtiger als die nach dem einzelnen Symbol.

Das hat einen Grund: Nach verbreiteter Auffassung entscheidet die Deutung mit, wie ein Traum ausgeht. Wer deutet, trägt damit Verantwortung.

Dieser Text stellt die Personen vor, auf die sich die Tradition beruft, und beschreibt, was sie von einem Deuter verlangt.

Yusuf als Vorbild

Die zwölfte Sure des Korans trägt den Namen Yusuf und umfasst 111 Verse. Sie ist die einzige Sure, die eine durchgehende Geschichte erzählt.

Yusuf träumt darin zunächst selbst von Sonne, Mond und elf Sternen. Sein Vater Jakob warnt ihn davor, den Traum den Brüdern zu erzählen.

Im Gefängnis deutet Yusuf die Träume zweier Mitgefangener. Später wird er an den Hof geholt und deutet den Traum des Königs von sieben fetten und sieben mageren Kühen.

Aus dieser Deutung folgt eine praktische Anweisung zur Vorratshaltung, die das Land durch Dürrejahre bringt. Die Tradition liest daran ab, wozu Traumdeutung dienen soll.

Bemerkenswert ist der Aufbau der Geschichte. Sie beginnt mit einem Traum, sie endet mit dessen Erfüllung, und dazwischen liegt ein ganzes Leben.

Der Traum löst sich darin über Jahre und über das Handeln der Beteiligten ein. Als Vorhersage im engen Sinn wird er nicht erzählt.

Was den Deuter in dieser Erzählung auszeichnet

Yusuf wird im Koran nicht als jemand dargestellt, der Bilder in einer Liste nachschlägt. Die Fähigkeit gilt als von Gott gegeben.

Auffällig ist außerdem, dass er die Deutung mit einem Rat verbindet. Die Auslegung führt zu einer Handlung und bleibt nicht bei der Bedeutung stehen.

Diese Verbindung von Deutung und Rat prägt die spätere Vorstellung vom Traumdeuter im Islam bis heute.

Ibn Sirin, der bekannteste Name

Basra im 7. Jahrhundert ist der Ort, mit dem der bekannteste Name verbunden ist. Foto: Provenance Online Project, CC0

Muhammad Ibn Sirin wurde 654 in Basra geboren und starb dort 728. Er gehörte zur Generation nach den Prophetengefährten und war als Überlieferer bekannt.

Sein Name steht bis heute auf unzähligen Traumbüchern, Websites und Apps. In der Forschung gilt die Zuschreibung dieser Werke jedoch als unsicher.

Die meisten der unter seinem Namen kursierenden Bücher sind deutlich später entstanden und wurden ihm nachträglich zugeschrieben, um ihnen Gewicht zu verleihen.

Wer heute eine Deutung „nach Ibn Sirin“ liest, liest deshalb mit hoher Wahrscheinlichkeit einen Text, den er nie geschrieben hat.

An-Nābulusī und die späteren Sammler

ʿAbd al-Ghanī an-Nābulusī wurde 1641 in Damaskus geboren und starb 1731. Er war Sufi und Literat und hinterließ über zweihundert Schriften.

Sein alphabetisch geordnetes Traumbuch gehört zu den meistgenutzten arabischen Werken dieser Gattung und wird bis heute nachgedruckt.

Anders als bei Ibn Sirin ist die Verfasserschaft hier nicht umstritten. Das macht sein Werk für die Beschäftigung mit dem Thema zum verlässlicheren Ausgangspunkt.

Neben diesen beiden Namen stehen zahlreiche weitere Sammler, deren Werke regional unterschiedlich verbreitet sind. Viele davon sind nie ins Deutsche übersetzt worden.

Wer deutschsprachige Auszüge liest, arbeitet deshalb fast immer mit einer Auswahl, die jemand anderes getroffen hat, meist ohne Angabe, woher sie stammt.

Was die Überlieferung von einem Deuter verlangt

Die klassischen Werke stellen eine Reihe von Anforderungen. Verlangt werden Kenntnis des Korans und der Überlieferung, Kenntnis des Arabischen und seiner Wortverwandtschaften sowie Lebenserfahrung.

Verlangt wird außerdem, die Lage des Träumenden zu kennen. Dasselbe Bild wird für einen Reisenden, einen Kranken und einen Kaufmann verschieden ausgelegt.

Gefordert wird schließlich Zurückhaltung. Ein Deuter soll eine belastende Auslegung nicht aussprechen, wenn sie schadet, und im Zweifel schweigen.

Diese Anforderungen erfüllt eine automatische Suchmaske naturgemäß nicht.

Warum die Wahl des Deuters als heikel gilt

In der Überlieferung ist der Gedanke verbreitet, dass ein Traum offen bleibt, solange ihn niemand deutet, und dass die erste Deutung Gewicht bekommt.

Daraus folgt der Rat, einen Traum nicht wahllos zu erzählen. Empfohlen wird, sich an jemanden zu wenden, der Wissen hat und wohlgesonnen ist.

Belastende Träume sollen nach der Überlieferung gar nicht weitererzählt werden. Stattdessen ist überliefert, Schutz zu suchen und aufzustehen.

Traumdeuter gegen Bezahlung

Im Netz treten zahlreiche Anbieter auf, die Deutungen gegen Geld anbieten, teils mit religiöser Aufmachung.

Prüfbare Qualifikationen fehlen dabei fast immer. Wer eine Auslegung im religiösen Rahmen sucht, wendet sich besser an eine Moscheegemeinde oder an Personen mit belegbarer Ausbildung.

Vorsicht ist geboten, sobald Angst erzeugt oder ein Folgeangebot verkauft wird. Das ist unabhängig von jeder Tradition ein schlechtes Zeichen.

Auffällig ist, wie oft solche Angebote mit persönlichen Angaben arbeiten, die für eine Deutung nicht nötig sind, etwa Geburtsdatum, Familienstand und Wohnort.

Wer nach einem Traum unruhig ist, sollte diese Unruhe ernst nehmen und trotzdem zurückhaltend mit den eigenen Daten umgehen.

Was sich unabhängig davon sagen lässt

Die Schlafforschung trifft keine Aussagen über religiöse Deutungen. Sie beschreibt den Schlaf und die Bedingungen der Traumerinnerung.

Belegt ist, dass Trauminhalte Themen des Wachlebens aufgreifen und dass Träume vor allem dann haften, wenn jemand nachts kurz aufwacht.

Eine feste Bedeutung einzelner Traumbilder ist nicht nachgewiesen. Wer beides nebeneinanderstellt, sollte es getrennt halten.

Häufige Fragen

Wer gilt im Islam als erster Traumdeuter?

Der Prophet Yusuf, dem der Koran die Gabe der Deutung zuschreibt.

Wer war Ibn Sirin?

Ein Gelehrter aus Basra, gestorben 728. Die Traumbücher unter seinem Namen gelten als spätere Zuschreibungen.

Was muss ein Traumdeuter können?

Die Überlieferung verlangt Kenntnis von Koran, Hadith und Arabisch sowie Kenntnis der Lage des Träumenden.

Sollte man einen Traum jedem erzählen?

Nein. Überliefert ist, gute Träume nur Wohlgesonnenen zu erzählen und belastende für sich zu behalten.

Quellen

Das passt dazu

Drei Artikel, die dieselbe Frage von einer anderen Seite angehen:

Geschrieben von Bella, Redaktion traumatlas.de — sie schreibt hier über Traumsymbole und ihre Deutung.


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